Was im Dunkeln bleibt

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Die Bekehrung des Saulus

Saulus aber schnaubte noch drohend und
mordend wider die Jünger des Herrn, ging zum
Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe
nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn
er etliche Anhänger des Weges fände, Männer
und Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem
führte. Auf der Reise aber begab es sich, als er
sich der Stadt Damaskus näherte, daß ihn
plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte. Und
als er zur Erde fiel, hörte er eine Stimme, die zu
ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er
aber sagte: Wer bist du, Herr? Der aber sprach:
Ich bin Jesus, den du verfolgst. Es wird dir schwer
werden, wider den Stachel auszuschlagen!

– Apostelgeschichte 9,1-5

Die Bekehrungsgeschichte des Saulus hat immer schon einige theologische Fragen aufgeworfen. Das
liegt in erster Linie daran, dass von ihr drei Versionen in der Apostelgeschichte zu finden sind:
Apostelgeschichte 9, 22 und 26, und dass sich diese Geschichten scheinbar widersprechen.

Aber schon auf den ersten Blick ist es eine der faszinierendsten Geschichten überhaupt in der Bibel,
die davon berichten, wie ein Mensch Christ wird. Saulus war ein berühmter religiöser Mann. Er war ein
hochstehender und bekannter Pharisäer, wie er im Buche steht: hart, selbstgerecht und fanatisch. Als
das Christentum aufkam, gab es für die Juden nur ein Gebot der Stunde: die neue Sekte musste
ausgerottet werden. Einer von denen, die das frühe Christentum mit grosser Leidenschaft
bekämpften, war der Pharisäer Saulus.
Es ist immer wieder erschreckend, wie blind und mitleidlos religiöser Fanatismus machen kann. In
Saulus erfüllte sich die Prophezeihung, die Jesus seinen Jüngern in Matthäus 10,17gab: Hütet euch
aber vor den Menschen! Denn sie werden euch den Gerichten überliefern, und in ihren Synagogen
werden sie euch geißeln.
Saulus war einer von denen, die aufrichtig glaubten, Gott einen Gefallen zu tun, indem sie Christen
aufspürten, verhafteten und – falls möglich – töteten. Als Stephanus als erster christlicher Märtyrer
starb (Apostelgeschichte 7), stand Saulus dabei, bewachte die Kleider derer, die Stephanus steinigten
und hatte seinen pervers-frommen Spass an der Sache (Apostelgeschichte 7,58 und 8,1). Saulus
machte seinen blutigen Job so gut, dass man ihn schliesslich aussandte, auch in anderen Teilen des
Landes aufzuräumen, nachdem in Jerusalem eine ausgemachte Christenverfolgung losging. Und so
kam es, dass er mit Briefen und Vollmachten ausgestattet nach Damaskus aufbrach.

Es sollte seine letzte Reise als jüdischer Inquisitor sein; Saulus kam nicht von ihr zurück. Während er
noch auf dem Weg war, erschien ihm Jesus und veränderte sein Leben so total, dass vom alten
Saulus nichts mehr übrigblieb und er sogar seinen Namen in Paulus änderte. Aus dem berüchtigten
Christenverfolger wurde einer der berühmtesten Apostel Jesu. Die Wandlung war so vollkommen,
dass uns bis heute eine Redensart davon geblieben ist: vom Saulus zum Paulus wird jemand, dessen
Leben und Charakter sich total verändern.

Sehen wir uns im folgenden die dramatischen Ereignisse ein wenig näher an, die zu dieser Wandlung
geführt haben, denn ich meine, dass sich hier einiges über das Wesen göttlicher Offenbarung lernen
lässt.

Gottes Offenbarung ist persönlich


Saulus war nicht alleine nach Damaskus unterwegs, er reiste mit einer Karawane Gleichgesinnter, die
natürlich auch etwas von dem mitbekamen, was ihrem Anführer passierte. In der ersten Darstellung
der Ereignisse heisst es: Die Männer aber, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, indem sie zwar
die Stimme hörten, aber niemand sahen. – Apostelgeschichte 9,7
Die zweite Darstellung scheint dieser ersten zu widersprechen: Meine Begleiter aber sahen zwar das
Licht und wurden voll Furcht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht. –
Apostelgeschichte 22,9. Die Erklärung liefert die dritte Version, in der Paulus sagte, dass die Stimme
mit ihm in hebräischer Sprache redete (Apostelgeschichte 26,14). Hebräisch war zur Zeit des Paulus
fast eine tote Sprache, ähnlich wie heute Latein, das nur von wenigen gesprochen wurde. Paulus
gehörte zu den wenigen, die Hebräisch konnten (siehe Apostelgeschichte 22,1). Seine Begleiter
konnten kein Hebräisch und verstanden die Stimme deshalb nicht.
Dass Apostelgeschichte 22,9 so übersetzt wird, dass es so klingt, als ob seine Begleiter die Stimme
gar nicht gehört hätten scheint mir ein wenig unglücklich. Das griechische Wort kann, genauso wie
das deutsche verstehen, beides bedeuten: hören und begreifen. Was passiert war, ist eigentlich klar:
die Begleiter haben zwar die Stimme gehört, aber nicht verstanden.

Ist das nicht seltsam? Mehrere Männer machen sich auf, aber Gott begegnet nur einem von ihnen, die
anderen verstehen seine Stimme nicht. Aber so ist eben die Offenbarung Gottes: sie ist persönlich.
Gott spricht meistens nicht ganze Gruppen und Völker an, er spricht zu einzelnen Menschen.
Jeder Mensch befindet sich im Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes.
Nehmen wir zum Beispiel die Heilung der blutflüssigen Frau, wie Markus (5,24-37) sie berichtet. Jesus
und seine Jünger waren unterwegs zu einem Wunder. Ein Synagogenvorsteher namens Jaïrus hatte
Jesus gebeten, seine todkranke Tochter zu heilen, und sie waren auf dem Weg zu seinem Haus.
Jesus war in einer Menschenmenge, und mitten in dem Gedränge und Geschiebe berührte eine
kranke Frau den Saum seines Gewandes, also sozusagen das Bündchen seiner Hose. Durch diese
einfache, vertrauensvolle Berührung wurde diese Frau geheilt – und Jesus spürte das! Jesus aber,
der an sich selbst bemerkt hatte, daß eine Kraft von ihm ausgegangen war, wandte sich alsbald unter
dem Volke um und sprach: Wer hat meine Kleider angerührt? (Vers 30). Die Jünger verstehen nicht
einmal die Frage: Da sprachen seine Jünger zu ihm: Du siehst, wie das Volk dich drängt, und sprichst:
Wer hat mich angerührt? (Vers 31). Für die Jünger Jesu war es eine Frau unter vielen, aber für Jesus
war sie etwas Besonderes.

Die Offenbarung Gottes reisst uns aus der Anonymität der grauen Masse heraus. Auf einmal spüren
wir, dass wir im Zentrum der Aufmerksamkeit Jesu sind. Ebenso, wie Gott aus dieser Reisegruppe
Saulus hinauspickte und ihm eine Offenbarung schenkte, die keinem seiner Begleiter zuteil wurde,
ebenso wie Jesus sich Zeit nahm für die Frau in der Menge, ebenso nimmt sich Gott für jeden von uns
Zeit. Die Offenbarung Gottes ist nicht irgendeine Massenhysterie oder ein gehyptes
Gottesdienstphänomen. Sie ist im Gegenteil das, was uns aus der Masse aussondert und alleine vor
unseren Schöpfer treten lässt.

Gottes Offenbarung lässt Gott selbst im Dunkel


Nachdem Saulus die Vision gehabt hat, war er blind. Er konnte erst wieder sehen, als ein Jünger
namens Hananias in Jerusalem für ihn gebetet hatte. Eigentlich erscheint es fast ein wenig paradox,
dass man von einer Vision blind werden kann, aber Gottes Licht war eben so hell, dass es Paulus im
wörtlichen Sinne geblendet hat.
Etwa dreissig Jahre später schrieb Paulus seinem Schüler Timotheus über dieses Licht und er sagt
ihm, dass Gott in einem unzugänglichen Lichte wohnt und kein Mensch ihn je gesehen hat noch
sehen kann; (1.Timotheus 6,16). Das Licht, das Paulus und seine Begleiter gesehen haben und dass
den eifernden Pharisäer so nachhaltig geblendet hat, war also schon von Gott, aber es war nicht Gott
selber, sondern eher Gottes Wohnung. Die Briefe an Timotheus gehören zu den letzten, die Paulus in
seinem Leben geschrieben hat. Manche Historiker gehen davon aus, dass sie aus seinem letzten
Lebensjahr stammen. Das, was Paulus hier über Gott schreibt, kann also sozusagen als die
Quintessenz seines Lebens mit Gott angesehen werden. Es erscheint schon seltsam, dass jemand,
der Jahrzehnte mit Jesus gelebt und in dieser Zeit Wunder über Wunder erlebt hat, der das ganze
Leben in seinen Höhen und Tiefen mit Gott gelebt hat und fast schon unvorstellbare Visionen hatte,
am Ende zu dem Schluss kommt, dass man Gott nicht sehen kann.


Dennoch ist es so. Man kann etwas von Gott spüren, ihn hören und empfinden, aber letztlich bleibt er
ein Rätsel. Im Herrn der Ringe sagt Gandalf: „Ihr Hobbits seid schon ein seltsames Volk, in einem
Monat kann man alles Wissenswerte über euch lernen...“. Manchmal gehen wir mit Gott genauso um.
Nachdem wir einen Glaubensgrundkurs gemacht und die Bibel einmal durchgelesen haben, meinen
wir, alles Wichtige über Gott und das Leben mit ihm zu wissen. Für diejenigen, die es ganz genau
wissen wollen, gibt es dann noch Bibelschulen und Seminare, in denen man in drei-, fünf- oder
siebenjähriger Ausbildung auch noch das über Gott lernen kann, das gar nicht wissenswert ist. Wenn
man dann fertig ist, hat man unter Umständen sogar einen „Master of Divinity“1 und die trügerische
Gewissheit, jetzt aber wirklich alles zu wissen und jede wichtige Frage beantworten zu können.
Aber natürlich ist das Quatsch. Menschen, mit denen wir ein Leben verbracht haben, können uns
noch überraschen, und wir wundern uns nicht weiter darüber. Wieviel rätselhafter als ein Mensch ist
Gott? Er lässt sich nicht in ein Schema pressen und mit zwei, drei Schlagworten treffend beschreiben.
Gott ist grösser als alles, was wir von ihm sehen, hören und spüren.

So hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine
Gedanken als eure Gedanken.
– Jesaja 55,9

Je näher wir diesem Gott kommen, um so unbekannter scheint er zu werden. Je näher wir seinem
Licht kommen, um so mehr werden wir von ihm geblendet. Ebenso wie der Wind uns so stark ins
Gesicht wehen kann, dass es uns den Atem verschlägt, kann Gottes Licht so hell sein, dass wir davon
geblendet werden.
Letzten Endes reicht ein Leben nicht aus, um Gott kennenzulernen. Ich bin zutiefst davon überzeugt,
dass wir im Himmel alle noch einiges zu entdecken haben und überrascht sein werden, wenn wir Gott
von Angesicht zu Angesicht so sehen, wie er wirklich ist.

Früher dachte ich, dass ich einiges wissen würde über Gott, und natürlich hatte ich die Antworten auf
alle grosse Fragen, die uns Menschen bewegen. Aber je näher ich Jesu komme, um so
geheimnisvoller wird er mir. Was gut daran ist, ist dass mit jeder vorschnellen Antwort, die mir wie
Sand durch die Finger rinnt, mein Vertrauen in den grossen, unfassbaren Gott, der Himmel und Erde
gemacht hat, wächst. Je grösser Gott wird, und um so weniger er sich in eine Form pressen lässt, um
so tiefer wird auch das Staunen und die Anbetung.

Gottes Offenbarung kann man nicht weitergeben


Ein letztes Merkmal göttlicher Offenbarung folgt aus dem Vorangegangenen: man kann über die
Erfahrungen schlecht reden. Die Begleiter des Saulus haben das Licht gesehen, das auf einmal um
ihn herum strahlte, sie haben die Stimme gehört, auch wenn sie die Worte nicht verstanden haben.
Vermutlich wird Saulus ihnen auf dem weiteren Weg auch erzählt haben, was er gehört hat und auf
jeden Fall haben sie gesehen, dass Saulus blind und verwirrt war.
Trotzdem haben sie Jesus nicht angenommen und sind von ihrer Reise nicht so verändert
zurückgekehrt wie Paulus.

Manchmal hat mich das fast wahnsinnig gemacht. Gott hat so viel in meinem Leben getan und
Freunde und Bekannte haben das auch durchaus gesehen. Trotzdem hat kaum jemand die
Konsequenz daraus gezogen und Gott angenommen. Warum nicht? Weil es eben nicht ihre
Offenbarung war. Man kann den Effekt, den Gott auf ein Leben hat, sehen, ohne deshalb an Gott
glauben zu müssen. Gott hat keine Enkelkinder; jeder muss selber angesprochen werden und ihn
erfahren.
Es ist ohnehin schon ausserordentlich schwer, über Erfahrungen, die man mit Gott macht zu reden;
vieles ist mit fast nichts zu vergleichen; man redet oft mit Heiden über Gott, wie man mit einem
Blinden über die Farbe redet. Natürlich ist es trotzdem gut und richtig darüber zu reden, was wir mit
Gott erleben, aber es bleibt immer übernatürlich, wenn jemand versteht, was wir sagen.
1 Theologischer Titel, „Meister der Göttlichkeit“

Für Theologen


Hier noch einmal die drei – angeblich widersprüchlichen – Versionen auf einen Blick und eine
mögliche Auflösung des Rätsels:

1.Version: Apostelgeschichte 9
Apg 9,7 Die Männer aber, die mit ihm reisten, standen sprachlos da, indem sie zwar die Stimme
hörten, aber niemand sahen.
8 Da stand Saulus von der Erde auf; aber obgleich seine Augen geöffnet waren, sah er nichts. Sie
leiteten ihn aber an der Hand und führten ihn nach Damaskus.
Die Männer bei Paulus hörten, die Stimme, sahen aber niemanden. Paulus sieht aber auch
niemanden (Vers 9). Niemand bezieht sich also auf den Sprecher, nicht darauf, dass die Begleiter das
Licht nicht gesehen hätten. Denn dann hätte auch Paulus das Licht nicht gesehen.
Π Alle haben das Licht gesehen und die Stimme gehört, aber niemand hat den Sprecher
gesehen.


2.Version: Apostelgeschichte 22
Apg 22,9 Meine Begleiter aber sahen zwar das Licht und wurden voll Furcht, aber die Stimme dessen,
der mit mir redete, hörten sie nicht.
Die Begleiter sehen das Licht, das passt zu Apg. 9. Das sie die Stimme nicht hörten ist ein
scheinbarer Widerspruch. Tatsächlich kann aber AKOUW (avkou,w), gerade wenn es mit Akkusativ
steht, auch mit verstehen übersetzt werden. Da die Stimme hebräisch mit Saulus sprach (s.u.) und er
der einzige in der Karawane war, der die Sprache konnte (hebräisch war zu der Zeit eine sterbende
Sprache und es war etwas Besonderes, dass Paulus hebräisch konnte Π Apg 22,1), hörten die
anderen zwar die Stimme, verstanden sie aber nicht.
Π Alle haben das Licht gesehen und die Stimme gehört, aber nur Paulus hat verstanden, was
die Stimme sagte – es war eben seine Offenbarung.

3.Version Apostelgeschichte 26
Apg 26,13 sah ich mitten am Tage auf dem Wege, o König, vom Himmel her ein Licht, heller als der
Sonne Glanz, welches mich und meine Reisegefährten umleuchtete.
14 Und da wir alle zur Erde fielen, hörte ich eine Stimme in hebräischer Sprache zu mir sagen: Saul,
Saul! was verfolgst du mich? Es wird dir schwer werden, gegen den Stachel auszuschlagen!
Es wird nichts über die Begleiter gesagt, aber die Geschichte wird um zwei wichtige Details erweitert:

1.) Das Licht war definitiv übernatürlich.
2.) Die Stimme sprach hebräisch, was für das Verständnis der 2. Version wichtig ist.
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Bibelzitate nach der 1951er Schlachterübersetzung
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Das Bild: http://www.bibelsajten.nu/atillo/paulus.htm